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Der große Knall zum JahreswechselMein Coming Out-Bericht (letzter Änderung/Nachtrag: 01. Februar 2000)
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Darf ich mich kurz vorstellen? Mein Name ist Sven, April 1976 geboren, komme aus der Nähe von Osnabrück und möchte Euch über meine Coming Out-Erlebnisse berichten, in der Hoffnung, daß der eine oder andere von Euch dann vielleicht genügend Mut und Kraft findet, diesen Schritt einmal selbst zu wagen. Ihr solltet aber genügend Zeit zum lesen mitbringen, denn diese Geschichte ist ziemlich umfangreich und nicht auf eine halbe Seite zusammengequetscht, wie so manche andere CO-Storys, die sich im Netz tummeln...
Bevor wir aber loslegen, möchte ich mich aber noch bedanken. Bedanken bei all denen, die zu mir gehalten haben, mir den Mut und die Kraft gegeben haben, immer einen kleinen Schritt weiter nach vorne zu gehen. Sei es, in dem sie aktiv an dem ganzen Geschehen irgendwie beteiligt waren oder einfach aus dem Grund, weil sie mich so akzeptieren, wie ich bin...
Namentlich wären das vor allem mein Freund (Boyfriend) André. Des weiteren meine Freunde (Friends) Renke, Gerd, Carsten, Thomas & Nicole und Kai. Natürlich auch meine Eltern und meine Schwester, sowie all die ganzen E-pals in Deutschland und weltweit. Grüßen möchte ich bei dieser Gelegenheit gleich auch alle, die mich kennen (u.a. Jörg & Matthias, Michael, Sven, Kape, Melanie, Ulf, Kai, Jens und Stephan), kennenlernen werden oder am liebsten wieder vergessen möchten... ;-)
OK, genug der Vorrede - hier kommt meine Coming Out-Story
31. Dezember 1998 - Die Uhr im Wagen zeigte 23.45 Uhr an, als wir in eine Tiefgarage in der Nähe der Kölner Rheinbrücken einfuhren. Zu Hunderten strömten die Menschen aus allen Richtungen zusammen, um sich bei den Rheinbrücken zu sammeln - irgendwo darunter waren auch wir: mein Freund André, mein e-Pal-Bekannter Gerd und dessen Bekannter Sven und natürlich meine Wenigkeit. Schon bereits wenige Minuten vor dem Jahreswechsel nahm die Geräuschkulisse durch Raketen, Böller und Luftheuler derart stark an, daß man glauben konnte, daß neue Jahr hätte schon begonnen – noch aber fehlten einige Minuten...
Der Champagner wurde schon mal in die Gläser gegossen, die letzten Sekunden verstrichen. Aus der Ferne war das Läuten der Glocken vom Kölner Dom zu hören, was aber schon nach wenigen Sekunden im aufkommenden Getöse der Raketen und Knaller wieder unterging. Gemeinsam wurde auf das neue Jahr angestoßen und mein Blick wandte sich zum Himmel, wo die Raketen in den verschiedensten Farben explodierten. Ich fühlte ein merkwürdiges Gefühl in mir und ließ das vergangene Jahr Revue passieren, vollzog sich doch jetzt auf die Sekunde genau vor einem Jahr der wohl wichtigste Schritt in meinem Leben: das Coming Out gegenüber meinen Eltern...
Seit dem hatte sich mein Leben grundlegend geändert, hatte wieder einen Sinn in den Unsinn dieser Welt bekommen. Natürlich gab es die einen oder anderen Probleme – oder wie ich es lieber nenne: Lebenserfahrungen - während dieser Zeit.
Doch vorher biegen wir die Gesetze der Physik und reisen einige Jahre in der Vergangenheit. Rückblickend kann ich, wie viele andere auch, feststellen, dass ich oder vielmehr mein Unterbewusstsein, schon immer auf hübsche Boys reagiert hat. In den anfänglichen Jahren der Pubertät konnte ich dieses allerdings nicht richtig einordnen – was wusste ich denn schon damals von "to be gay".
Später wollte ich davon nichts wissen und hoffte insgeheim darauf, dass diese "Phase" bald vorbeigeht. Die Zeit verging - nur diese "Phase", die wollte nicht vergehen. Die "Bravo" meinte zwar, dass Homosexualität völlig normal sei, aber irgendwelche ausführliche Tips oder Hilfen zum Coming Out suchte man damals vergebens...
November 1995 kam dann mein Zugang zum Internet. T-Online hatte auch schon damals die wunderbare Gabe, technische Ankündigungen mit einem großen Knall zum Platzen zu bringen. So waren die schon lange Angekündigten 14.4er Zugangsknoten instabil oder überhaupt nicht nutzbar. So mussten meine ersten Surfgänge teilweise noch mit schneckenhaften 2400 bps Vorlieb nehmen - was sich später furchtbar rächen sollte...
Jedenfalls hatte ich im Internet erstmals Gelegenheit, mich über das Schwulsein näher zu informieren und vor allem, es in ersten kleinen Schritten zu akzeptieren. Allerdings kam dann die Telefonrechnung von mehreren Hundert Mark und es gab einen Riesenkrach. Das Modem und damit meine damalige einzigste Informationsquelle wurde von meinen Alten eingesackt.
Erst im März 1996 ging es einen großen Schritt nach vorne während einer Klassenfahrt nach London. Neben dem üblichen Besichtigungen und Stadtrundfahrten hatten wir Schüler auch viel Zeit, um auf eigene Faust etwas zu unternehmen.
Ich war überrascht, wie offen die vor allem die junge Generation in London mit dem Thema "schwul" umging - so hatte ich es bis dahin noch nicht erlebt. In einigen Buchläden habe ich mir dann noch schwules Infomaterial über "to be gay" und CO besorgt und in den nächsten Tagen und Wochen fand dann das CO für mich selbst statt - vielleicht wäre hier auch der Begriff "Coming In" besser - man schaut in sich rein, und akzeptiert es, wie man ist...
Ab Mai, als die Telekom die Gebühren für TOL senkte, konnte ich dann auch wieder ins Internet abtauchen und knüpfte dort einige eMail-Kontakte. Juli ´96 begann dann mein Zivildienst. Ich entschied mich dabei nicht aus dem Grund, weil ich schwul bin, für den Zivildienst, sondern einfach deswegen, weil ich nicht von zu hause und meinen Freunden weg wollte. Der Zivildienst wurde dabei die bis jetzt beste Zeit in meinem Leben. Jede Menge Spaß und ein geniales Arbeitsklima sorgten dafür, dass ich immer gerne zum Dienst ging. Leider hatte ich in all dieser Zeit nicht den Mut gehabt, mich vor einigen zu outen - die meisten hätten es mit Sicherheit akzeptiert.
Mein erstes Outing hatte ich dann erst im Sommer ´97 - das war aber eher ein zwanghaftes CO. Mein Kumpel Renke kam vorbei und fragte nach einem speziellen Artikel in einer Computerzeitschrift. Ich langte in den Stapel, der neben meinem Computer lag, um die richtige Zeitschrift rauszusuchen.
In der Zwischenzeit nahm Renke die Maus von meinem Computer und klickte hier und da ein wenig in Win95 rum. Über den Startbutton gelangte er zum Folder "Dokumente" und fand dort einen Link zu einem AVI-Video. Ich bemerkte davon erst nichts, erst als Win95 mächtig auf der Festplatte am rumöddeln war (hatte damals nur 16 MB), um das Video in den Speicher zu laden, wurde ich aufmerksam und blickte auf.
Während ich mich noch fragte, was Renke da wohl eben gemacht haben könnte, öffnete sich das Videofenster und ein Gay-Pornoclip wurde abgespielt, den ich anläßlich der Testphase des brandneuen "Highspeed"-Internetzuganges von T-Online aus dem Internet gesaugt hatte. Als wenn das nicht schon schlimm genug wäre, bekam mein Kumpel auch noch eine volle Breitseite mit einer Groupscene. :-/
Keine Ahnung, wer in diesem Moment wohl mehr erschrocken war, ich reagierte jedenfalls ziemlich barsch und schaltete den Computer blitzschnell aus. Da jetzt eh alles zu spät war, um es irgendwie zu leugnen, ging ich nach ein paar Sekunden entsetzlicher Stille einen Schritt weiter und sagte: "OK, jetzt weißt Du es - ich bin schwul...".
"Hast Du mir sehr überzeugend demonstriert" feigste, noch immer leicht erschrocken, Renke "ich habe damit aber keine Probleme!" Mit lautem "Plumps" fiel mir ein Stein vom Herzen - daß das so glatt über die Bühne geht, damit hatte ich nun überhaupt nicht gerechnet...
Am 1. August war dann mein Zivildienst zu Ende und ich fing mit meiner Ausbildung als IT-Systemelektroniker an. In der neuen Umgebung konnte ich mich recht schnell einleben und die Arbeit machte Spaß. Ich vermisste lediglich einen etwa gleichaltrigen (wie beim Zivildienst), mit dem man(n) über "dies und das" plaudern konnte.
So staunte ich nicht schlecht, als eines morgens plötzlich ein 20jähriger Azubi ankam, sich kurz vorstellte und mich fragte, ob ich eben helfen würde, den Müll rauszubringen (typische Arbeit eines Azubis halt). Mir hatte bis dato keiner in der Firma gesagt, daß wir noch einen anderen "Stift" in der Firma haben - ich dachte immer, ich wäre der einzige. Carsten, so heißt er, war gerade aus dem Urlaub zurückgekommen.
Nun wir verstanden uns ganz gut und es kam, was kommen musste: Gespräche über Weiber und Frauen und die "alltäglichen" Probleme, die man(n) mit diesen Geschöpfen hat - oder auch nicht *grins*. Nun, nach Möglichkeit gehe ich solchen Gesprächen immer aus dem Weg, solange mein Gegenüber nicht weiß, daß ich schwul bin. Also dachte ich darüber nach, ob und wie ich mich ihm gegenüber outen sollte.
Nun, Carsten hatte sich bei einem lokalen Provider angemeldet und ich habe ihm ein wenig geholfen, den ganzen Internetkram einzurichten. Dabei legte ich ihm auch das Programm ICQ ans Herz und meinte noch, er würde eine "kleine Überraschung" erleben, wenn er sich mit dem Programm näher beschäftigen würde. Ich meinte damit eigentlich nur, daß er über ICQ früher oder später meine Homepage finden würde (aus der eindeutig zu erkennen ist, daß ich schwul bin), wenn er mich in seine ICQ-Userliste aufnehmen und meine "Details" abfragen würde...
Dummerweise tat er aber nicht so, wie ich gehofft hatte. So fragte Carsten dann in einer eMail nach, was ich denn mit der "kleinen Überraschung" gemeint habe. Ich schrieb ihm daraufhin eine eMail zurück, in der ich mich outete. Als die eMail abgeschickt war, kamen mir leichte Zweifel, ob es klug war, mich ihm gegenüber zu outen. Immerhin würden wir mindestens die
nächsten zwei Jahre noch zusammen in der Firma verbringen müssen...
All die Sorge war aber total unbegründet - nach ein paar für mich ewig langen Stunden kam die Antwort von Carsten zurück, daß er damit keine Probleme hat - mit ihm konnte ich mich sogar später richtig darüber unterhalten, z.B. darüber, daß meine Eltern davon noch nichts wussten, etc.
Dieses Gefühl, daß man sein "großes Geheimnis" jemanden anvertrauen kann ist vor allem in der Anfangsphase des Outen ungeheuer aufbauend und motivierend – man kommt auch sich selbst dadurch ein Stückchen näher.
Aber da war noch immer eine große Hürde, die ein "ungutes Gefühl in der Magengegend" verursachte - meine Eltern. Wie bringe ich es ihnen am besten bei? Wie werden sie reagieren? Schon in der Silvesternacht 1996/97 setzte ich mir eine Frist, es meinen Eltern spätestens an meinem 21. Geburtstag zu erzählen – doch die vier Monate bis April vergingen buchstäblich wie im Flug und an meinem 21. Geburtstag saß ich deprimiert in meinem Zimmer, traurig darüber, daß ich es doch nicht geschafft habe.
Hin und wieder gab es zwar ganz zaghafte Versuche, es noch mal zu versuchen, aber entweder erschien mir die Gelegenheit nicht günstig oder ich machte einen Rückzieher, in der Hoffnung, daß es irgendwann schon klappen wird.
Erst Heiligabend ´97 bekam ich einen neuen Schub, mich endlich zu outen. Nach der Bescherung und dem Familienessen zog ich mich auf mein Zimmer zurück und fühlte mich schrecklich einsam - wie schön könnte es doch sein, Weihnachten mit einem Freund zu verbringen - aber solange die Eltern davon nichts wussten. Ich öffnete mein Zimmerfenster, es regnete, die Straßen waren grau, leer und dunkel - ein Spiegelbild meiner Seele.
Die Weihnachtstage über ging es dann zu den Verwandten. Als leidenschaftlicher Kinogänger habe ich mich natürlich über die Kinogutscheine gefreut, aber dieses ewige Gequassel dann: "Kannst ja Deine Freundin mitnehmen! Hast Du überhaupt eine?" Oh man, meine ohne hin schon tiefe Stimmung ging noch weiter den Bach runter. Ich fasste mir da den Entschluss, daß es endlich raus muss - zumindest meine Eltern sollten es wissen.
Der Silvesterabend schien mir da eine gute Gelegenheit zu sein - so konnte ich das neue Jahr symbolisch als neuen Lebensabschnitt betrachten, das alte Leben mit dem Lügen und Ausreden hinter mir zu lassen.
Am 30. Dezember lass ich dann noch in einer Zeitschrift zufällig mein Horoskop. Als Amateur-Astronom halte ich normalerweise von solchem Hokuspokus überhaupt nichts, aber dort stand, daß Silvester ein großes "Problem" gelöst wird. Die darauffolgenden Tage wurden mit "Familienharmonie" betitelt.
31. Dezember 1997 - kurz nach 10 Uhr. Ich hüpfte aus dem Bett, duschte mich schnell und fuhr in die Stadt, um noch ein paar Raketen und Böller zu besorgen. Quasi symbolisch wollte ich den ganzen Stress und die seelische Belastung der vergangenen Jahre zum Jahreswechsel weit von mir schießen. Den ganzen Tag über überlegte ich mir fieberhaft, wie ich es am besten anstellen könnte, es meinen Eltern beizubringen.
Am Besten allen auf einmal? Oder erst der Mutter und dann dem Vater alles erzählen? Und dann ist da noch meine 16jährige Schwester. Meine Stimmung schwappte dabei mehrmals innerhalb von Sekunden von "top" (Hey man, ist bestimmt ganz easy) auf "down" (Wie soll ich es nur sagen?).
Der Abend rückte näher - das alte Jahr neigte sich immer mehr dem Ende entgegen. Ich lass mir noch mal all die gesammelten CO-Berichte aus dem Internet durch - das hört sich da oft so leicht an: "Dann habe ich es meiner Mutter erzählt". Sollte ich wirklich einfach so runter zu meiner Mum in die Küche gehen und sagen "Ich bin schwul"?
Ab etwa 20.00 Uhr war ich nur noch ein Nervenwrack. Lustlos zappte ich durch die Fernsehkanäle oder surfte im Internet umher. Ich hatte schon den ganzen Tag über keinen Appetit gehabt, selbst die Chips ließ ich stehen, wo sie waren. Öfters ging ich die Treppe runter zum Wohnzimmer, wo der Rest der Familie vorm Fernseher hockte - doch mein Mut verließ mich wieder.
So eine Anspannung und Niedergeschlagenheit hatte ich bei mir bis dahin noch nicht erlebt - daß mir das so stark zusetzen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Immer wieder ging ich im Kopf durch, wie meine Alten wohl reagieren würden. Natürlich konnte ich schlecht erwarten, daß sie vor Freude an die Decke hüpfen werden.
23.00 Uhr - wieder lese ich mir die CO-Berichte anderer durch, meine Stimmung geht immer weiter abwärts. Eigentlich wollte ich es schon am frühen Abend gesagt haben, jetzt sind es nur noch wenige Minuten bis zum neuen Jahr. Kurz vor Mitternacht ging ich runter ins Wohnzimmer - mir wurde zunehmends sogar schlecht.
Meine Eltern und meine Schwester schauten sich eine Live-Übertragung vom Brandenburgertor an, der Sekt wurde in die Gläser gegossen und die Moderatoren im Fernsehen zählten, wenn auch verkehrt oder durcheinander, die letzten Sekunden des Jahres
runter...
Peng - Mitternacht - mein hochgestecktes Ziel war soeben abgelaufen. Ich trank mein Glas Sekt in einem Rutsch runter und hätte am liebsten sofort losgeheult. Sollte ich es jetzt noch wagen? Jetzt, wo meine Eltern und meine Schwester "Frohes neues Jahr" angestoßen haben? Am liebsten hätte ich jetzt meinen Schwanz eingekniffen (Hey, das war als Redewendung gemeint, OK?) und wäre in mein Zimmer gelaufen. Dann wäre die ganze nervenaufreibende Zeit der letzten Stunde und Tage aber für die Katz gewesen. Dann aber tat ich es doch - öffnete meinen Mund und sagte mit leiser und bibbernder Stimme, "daß ich Euch schon lange sagen wollte, daß ich schwul bin... ...ich wollte, daß ihr es auch erfahrt...".
ES WAR RAUS - ENDLICH WAR ES RAUS!!! Was jetzt kommen würde, war mir scheißegal. Hauptsache, es war raus. Wie genau die Gesichtsausdrücke der anderen waren, weiß ich gar nicht mehr, habe das gar nicht mitbekommen. Ich hörte nur meine Mutter sagen: "Das weißt Du doch gar nicht - woher willst Du das denn wissen" <daß ich schwul bin>
Ich verzog mich und ging auf die Straße, um die Raketen abzuschießen. Wenig später kam meine Schwester und ich fragte sie, was sie davon denn nun hält. "Nichts... Ich habe es manchmal schon vermutet. Fast immer, wenn Du am Computer warst und ich ins Zimmer reinkam, hast Du schnell den Bildschirminhalt verschwinden lassen" (und ich dachte immer, ich mache das schnell genug ;-)
Meine Eltern kamen dann auch auf die Straße, gingen aber erst mal zu den anderen Nachbarn, um ein 'Frohes Neues' zu wünschen. Nachdem ich meine Raketen und Böller verpulvert hatte, ging ich rein und setze mich vorm Computer und gab einen lauten Freudenschrei von mir ab. Endlich, nach so langer Zeit, war es überstanden. Wenig später kam meine Mum dann auch zu mir ins Zimmer und wollte in Ruhe darüber sprechen.
Sie meinte dabei zuerst, daß der Zeitpunkt wohl nicht so optimal gewesen wäre - nun, jetzt gebe ich ihr da sogar ein wenig recht. Erst "Frohes neues Jahr" anstoßen und dann mit der Faust ins Gesicht zu schlagen war vielleicht nicht fein abgestimmt. Die Methode, z.B. ein Buch über Homosexualität im Zimmer liegen zu lassen, so daß es die Mutter dann "zufällig" finden würde, wäre vielleicht besser gewesen, aber passiert ist passiert.
In den folgenden Minuten fragte mich meine Mutter dann aus, wer es den schon alles weiß, woher ich denn weiß, daß ich schwul bin und ob es nicht eine Phase sein könnte, die bald vorbeigeht. "Dass mit der Phase kannst Du dir abschminken - ich weiß, daß ich schwul bin und selbst wenn es ein Mittel geben würde, mit dem man sich umpolen könnte, würde ich es nicht machen".
Nach dem Gespräch ging es mir Pudelwohl - allerdings hatte mich der ganze Stress davor ziemlich mitgenommen. Deshalb hüpfte ich schon recht bald ins Bett und schlief erschöpft aber glücklich ein. Am nächsten Morgen dann erst ein schrecklicher Verdacht, ob das ganze vielleicht nur ein Traum gewesen wäre - aber wenig später kam dann meine Mum rein, nahm mich noch mal in den Arm und sagte noch, daß Dad damit auch keine Probleme hat. Meine Mum fing in den nächsten Tagen zwar noch manchmal an, von dieser "Phase" zu sprechen, aber ich gab immer mein Bestes, diesen ihren "Wunschtraum" aus dem Weg zu räumen.
Am 8. Januar 1998 kam Thomas abends vorbei, um mich zum Kino abzuholen. Wir wollten uns den Film "Titanic" reinziehen. Schon lange habe ich mit dem Gedanken gespielt, mich vor Thomas zu outen.
Immerhin kenne ich Thomas schon seit Sommer 1996 vom Zivildienst her und komme ganz gut mit ihm aus - und glaubte eigentlich immer, daß er mit dem Thema "schwul" keine Probleme haben dürfte - aber dennoch war jedes Mal diese "Blockade" in den Mundgelenken, wenn man eigentlich über so ziemlich alles redete, es einem selbst aber nicht gelang, irgendwie dieses eine bestimmte Thema anzuschneiden...
Nun, kurz vor dem Jahreswechsel hatte mich Thomas gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm diesen Sommer nach Tunesien zu fahren - keine Frage, das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ein paar Tage später "überfiel" mich Thomas dann aber schon mit seiner kleinen Urlaubsplanung: "Um Geld zu sparen, können wir ja auch ein Zimmer zusammen nehmen, oder?" Na super! Würde er wirklich mit mir ein Zimmer teilen, wenn er wüsste, daß ich schwul bin? In diesem Moment war ich dann aber auch wieder zu feige, um mich zu outen. Hinterher zu hause hätte ich mich dann Ohrfeigen könne, daß ich es diesmal wieder nicht geschafft habe, mich zu outen: "Aber beim nächsten Mal klappt es bestimmt..."
Und es klappte diesmal wirklich. Während der Fahrt überlegte ich mir erst die passenden Worte, wie man es am besten sagen könnte. Ich drehte das Autoradio ein wenig leiser und sagte dann: "Habe ich Dir eigentlich schon von meiner großen Neuigkeit erzählt?"
"Öh, nein, nicht das ich wüsste... um was geht es denn?"
Jetzt oder nie schoss es durch meinen Kopf: "Nun, ich bin schwul". Ein knapper Satz, der alles sagt. Ein paar Sekunden war wieder diese merkwürdige Stille im Raum, Pardon, Auto, nur der Motor dröhnte weiter seine Runden. Das erste, was ich dann von Thomas zu hören bekam, war ein überraschend klingendes "Oh...".
Leider kann ich mich jetzt nicht so genau mehr an den weiteren Wortverlauf erinnern, er reagierte aber so, wie ich es erwartet und erhofft hatte: Als wahrer Kumpel! Nach dem die Titanic im eisigen Meer versunken war, gingen wir wieder zum geparkten Auto zurück, als er mir dann noch plötzlich seine Hand rüberreichte und meinte: "Herzlichen Glückwunsch zu Deinem Coming Out".
Damit hatte ich nun überhaupt nicht gerechnet und ich muss wohl im ersten Moment ziemlich doof aus der Wäsche geschaut haben. "Nein wirklich, finde ich voll Klasse, daß Du es mir erzählt hast - war bestimmt nicht leicht...". Auf der Rückfahrt sprachen wir dann noch ausführlich über dieses Thema weiter - danke Thomas, hat mir sehr gut getan... :)
Die darauffolgenden Tage und Wochen blühte ich dann richtig auf, machte z.B. erste Versuche, mich mit anderen Gays zu einem Kennenlernen-Treffen in der City zu verabreden oder einfach das Leben wieder zu genießen. Irgendwann im Februar kam ich dann auf die Idee, mir rechts einen Ohrring anzulegen. Ich fragte dabei erst meine Freunde und Bekannte, die befürworteten allesamt diesen Schritt. Von Gerd, einem e-Pal aus Köln, bekam ich dann erst einen Ohrclip, den man einfach aufs Ohr stecken und wieder abziehen kann. So konnte ich die evt. Reaktionen der anderen schon mal antesten.
An einem Montag hatte der Ohrclip dann Premiere - Berufsschule (gähn) war angesagt. Während des Englischunterrichts mussten wir dann Gruppenarbeit machen. Ich war zusammen mit Ulf in einer Gruppe. Vom Thema der Gruppenarbeit abschweifend redeten wir über alles mögliche. Plötzlich fragte mich Ulf, ob dieser Ohrclip irgendwas bedeutet. Ich dachte eigentlich, daß Ulf dachte, was ich dachte und sagte daher einfach ganz lässig: "Nun, bedeutet eigentlich nur, daß ich schwul bin...".
Ein paar Sekunden lang schaute ich in ein total überraschtes Gesicht. "Öh.... ja... achso.... ....ich dachte eigentlich, daß der Clip mehr eine medizinische Funktion, wie Akupunktur oder so, hat...". Ooops, da war ich wohl etwas zu voreilig mit meinen Gedanken gewesen und ich spürte, wie das Blut in meinen Kopf rauschte - von einem Moment auf den anderen war mein ganzer Körper/Seele total angespannt. Einen Grund zur Beunruhigung gab es dennoch nicht, Ulf hatte damit keine großen Probleme, wie es sich dann später zeigte. Dennoch ging ich noch am selben Tag zum Optiker und ließ mir rechts ein Loch ins Ohrläppchen schießen - wenn man schon ein Zeichen setzt, dann eins, was man(n) nicht falsch interpretieren kann... ;)
Am nächsten Tag war dann wieder ein normaler Arbeitstag in der Firma. Ein wenig nervös war ich schon, ob und wie die anderen Arbeitskollegen darauf reagieren, Carsten war noch immer der einzigste in der Firma, der davon wusste, dass ich schwul bin. Der erste Kommentar von einem Kollegen war aber ein einfaches "Na, auch dem 'Steiff'-Club beigetreten?". Erst als später noch ein Arbeitskollege dazu kam, ging eine Diskussion darüber los, ob nun links oder rechts schwul bedeutet. Nach einiger Zeit kam man dann zu dem Entschluss, daß 'rechts' wohl schwul bedeutet. Aber direkt auf die Idee, ob ich schwul bin, ist scheinbar keiner gekommen. Jedenfalls fragte keiner nach, man gab mir nur den Hinweis, daß ich aufpassen sollte, daß ich nicht mal von einigen Männern angebaggert werde... ;) Weiter wurde das Thema dann nicht angesprochen. Der eine oder andere mag zwar vielleicht ahnen, daß ich schwul bin, direkt gefragt wurde ich aber deswegen nie – erst später sprach es sich in der Firma rum, dazu aber später mehr.
Das Leben nahm seinen normalen Lauf und die Zeit verging und langsam glaubte ich, daß auch meine Mum ganz gut damit klar kommen müsste. Im April feierte ich dann meinen Geburtstag - viele Leute hatte ich nicht eingeladen, es war nur ein gemütlicher Abend zusammen mit meinen Freunden - sowohl Heteros als auch Homos, die ich zwischenzeitlich kennen gelernt hatte. Gegen 2.00 Uhr gingen die letzten Gäste - ich war mit diesen gelungenen Abend voll zufrieden. Der Donnerschlag kam erst am nächsten Tag. Meine Mum kam auf einmal an und stellte mich zur Rede, ob das denn nötig wäre, daß das schwule Pärchen unbedingt "Hand in Hand" zum weiter abseits geparkten Auto gehen musste. "Wenn das die Nachbarn sehen [ja sicher, um zwei Uhr nachts] - wie sollen wir uns dann wehren, wenn das Gerede losgeht?". Das meine Mum so darüber denkt, darauf war ich nun überhaupt nicht vorbereitet gewesen. Meine Mum wollte sogar so weit gehen, mir zu verbieten, daß ich weiterhin schwule Freunde mal zu mir einlade. Da platzte mir dann der Kragen und ich drohte ihr damit, das sie dann als Mutter für mich gestorben wäre, sollte sie wirklich mal soweit gehen.
Erschrocken darüber, daß sich dieser Streit so weit zuspitzen konnten, gingen wir auseinander. Ich verkroch mich ins Zimmer und war total fertig - war das eben wirklich meine Mum? All die Wochen dachte ich, sie kommt damit mittlerweile ganz gut klar, aber daß sie noch so hart daran zu knabbern hatte, hätte ich nie vermutet. Am nächsten Morgen war alles wieder wie gehabt – es gab zwar hier und da in den nächsten Wochen noch etwas Zoff, aber das hat sich dann doch nahezu komplett gelegt...
Es passierte eine Zeit lang erst mal nix – es wurden hier und da einige Schulkameraden eingeweiht, aber da gibt es nix weiter zu berichten, denen ist es quasi "scheißegal", wie man ist... ;-)
August ´98 hatten wir in der Firma dann zwei neue Azubis in die Werkstatt bekommen – dazu noch eine Azubine im Büro. Auch hier traten natürlich Überlegungen auf, ob und wie man es sagen sollte – Carsten meinte dabei, dass er keine Probleme von den anderen erwarte, als wurde die Azubis nach und nach von mir eingeweiht. Kai war der erste, er erfuhr es auf den Tag genau ein Jahr später als Carsten, ebenfalls über das Internet, als ich per eMail die Adresse meine Homepage mitteilte. Kai war zwar überrascht, hatte damit aber nicht die geringsten Probleme.
Etwas komplizierter wurde es bei meinem Namensvetter Sven. In seinem Kopf trieben noch die ganzen Vorurteile, die es über Schwule gibt, dementsprechend war er auch manchmal drauf – allerdings war er öfters auch sehr neugierig und fragte immer wieder diverse Fragen über das schwule Lifestyle – trotzdem ließen sich nicht alle Vorurteile ausräumen, daher war ich auch nicht böse, als Sven seine Ausbildung abbrach...
Bei Sandra lief das outen dann ohne elektronische Hilfsmittel ab – wir waren gerade mit Lagerarbeiten beschäftigt und redeten über dies und das und bei einer passenden Gelegenheit weihte ich Sandra dann ein – im Scherze drohte ich ihr, sie meinte daraufhin ebenfalls scherzhaft, dass sie dann beim nächsten Mal ihren Freund als Beschützer mitbringen würde – ich entgegnete darauf nur, dass ich meinen Freund dann auch mitbringen würde – es hat dann einige Sekunden gedauert, bis Sandra geschnallt hatte, was ich da überhaupt gesagt hatte... ;-)
Zu meinem Geburtstag im April hatte ich mir dann eine eigene Domäne als Geschenk zugelegt – dass sprach sich wohl in der Firma rum, jedenfalls gelangten so auch meine Chefs auf meine Homepage und wussten nun bescheid. Es folgten von zwei meiner Chefs eMails, in denen sie mir zum Coming Out gratulierten – damit hatte ich nun ja überhaupt nicht gerechnet – jetzt wusste es also die ganze Firma. Das bis dahin schon gute Arbeitsverhältnis hat sich dadurch nicht im geringsten auf negative Weise verändert, es hat sich sogar eher noch gebessert.
Mittlerweile ist das neue Jahrtausend mit brachialer Langeweile ("Ohhh... Ist ja gar nix passiert") über uns hereingebrochen, viel zu berichten über weitere Outings gibt es aber nicht. Das Leben geht seinen Weg, ich bereite mich langsam auf die Abschlussprüfung im Sommer 2000 vor, um dann einen neuen Schritt einzuschlagen: Eine gemeinsame Wohnung mit meinem Freund... Mal sehen, was bis dahin noch so alles passieren wird...
Tja, ich hoffe, ich konnte dem einem oder anderen von Euch einen kleinen Schubs geben, um einen wenn auch nur kleinen Schritt nach vorne zu gehen - es ist auf jeden Fall nicht leicht, sich vor den Eltern hinzustellen und zu outen und mag bei den meisten, wie es auch bei mir war, eine unheimliche und eigentlich nicht in Worte zu fassende seelische Belastung sein - aber es lohnt sich – das Leben fängt dann erst an, auch wenn es hin und wieder mal Rückschläge gibt...
Für weitere Fragen oder um einfach eMails zu tauschen könnt Ihr eine eMail an mich schicken. Neue Brieffreunde sind jederzeit willkommen...
Stay tuned, Sven
Ach, eins darf natürlich nicht fehlen: to be continued...